Studie zur Mobilität der Zukunft – das Ende des individuellen Verkehrs?

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Die Zukunft der Mobilität ist multimodal.

13.12.2012

Dass es für eine nachhaltige Mobilität keine einfachen Antworten gibt, weiß auch Professor Franz-Rudolf Esch, Akademischer Leiter des Automotive Institute for Management. „Kooperationen und bedarfs- und regionsspezifisch abgeleitete flexible Konzepte ersetzen starre Einweglösungen“, glaubt er.
Das Institut für Zukunftsforschung und Wissensmanagement (IFK) sowie das Automotive Institute for Management (AIM) haben bereits zum zweiten Mal Experten im Rahmen einer Online-Studie mit multiplen methodischen Ansätzen und anschließenden Expertenrunden befragt, um die Informationen und Einschätzungen zur Mobilität im Jahr 2030 zu verdichten. Die Ergebnisse der Studie, die soeben vorgestellt wurden, zeigen die Kernaussage des Zielszenarios, die unter den 248 Experten und Endnutzern konsensfähig ist: die Mobilität im Jahr 2030 ist multimodal, kooperationsgetrieben und dadurch effizient.
Vor allem die Multimodalität ermöglicht Nutzern eine komfortable, ressourcenoptimale und umweltfreundliche Fortbewegung und ist damit die attraktivste und nachhaltigste Form der Mobilität. Verkehrsprobleme wie Staus werden minimiert, die effiziente Ausnutzung der vorhandenen Ressourcen und Infrastruktur steht im Zentrum des Interesses.Eine übergreifende Plattform ermöglicht dabei die koordinierte Routen- und Tarifplanung, effiziente Angebotsauswahl, sowie integrierte und sichere Zahlungsabwicklung aus einer Hand. Multimodale Mobilität ist die wechselnde Nutzung von Verkehrsmitteln durch eine Person über einen bestimmten Zeitraum. In diesem Gesamtsystem werden Dienstleistungen für die Mobilität aller Nutzungsgruppen angeboten. Dies umfasst traditionelle Verkehrsmittel wie den motorisierten Individualverkehr (beispielsweise Pkw, Moped, Motorrad), den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV), die Bahn etc., aber auch neuartige (Mobilitäts-)Dienstleistungen beziehungsweise Techniken wie das Car-Sharing, Mitfahrgelegenheiten, Mietfahrräder, Segways, Elektrofahrzeuge.

 

„Flexibilität statt Status“

Zudem wird die Mobilität rationaler verstanden. Das Auto wird immer weniger als Statussymbol erlebt. Neuartige Geschäftsmodelle wie Car-Sharing oder multimodale Plattformen (analog Mulitcity, Moovel) werden größere Bedeutung erlangen. Im urbanen Raum gehört die Zukunft dem vernetzten, jedoch weiterhin individuell organisierten öffentlichen Personentransport: die multimodale Mobilität – die verschiedene Verkehrsmittel zur Erreichung eines Ziels nutzt – werde zunehmen und so den klassischen, unflexiblen Nahverkehr weitgehend verdrängen.

 

Mobilitätskooperationen und neue Marktteilnehmer

Die Zukunft liegt deshalb in Mobilitätsclustern, die alle Mobilitätsleistungen gebündelt aus einer Hand liefern können. Kein Unternehmen im Mobilitätsbereich – und wäre es noch so groß – kann in der Zukunft allein das komplexe Netz der Mobilität für seinen Kunden realisieren. Die Grundvoraussetzung für den Erfolg sind kundenorientierte Kooperationen, die Mobilitäts- und Infrastrukturanbieter sowie den öffentlichen Sektor umfassen. Der Markt für multimodale Mobilität wird dominiert von Unternehmen (und Unternehmensclustern), die Mobilität als Dienstleistung bereitstellen.
Bereichsübergreifende „Mega-Kooperationen“ sind dabei zwingend und überlebensnotwendig. Player, die dies missachten, werden an der mobilen Zukunft nicht teilhaben, wie die Autoren prognostizieren. Dabei werden zunehmend neue Player aus ehemals mobilitätsfremden Bereichen vor allem aus dem IKT-Bereich Zugang zu dem Massenmarkt der Mobilität finden (Google, Microsoft, Apple, Amazon, etc). Es wird eine generelle Machtverschiebung weg von den Einzelunternehmen mit zeitlich begrenzten, fragmentarischen Angeboten geben, hin zu strategisch langfristig angelegten Mobilitätskooperationen.
Kombination aus physischer und intelligenter / oder virtueller Mobilität: vorrangig sind Kooperation zwischen primären Mobilitätsanbietern und Kommunikations-/IT-Anbietern zu erwarten. OEMs und ihr zentrales Produkt(Pkw, Lkw, Busse etc.) sind aufgrund ihrer Hardware (Antrieb, Connectivity) nicht austauschbar und bilden weiterhin den zentralen Bestandteil der individuellen Fortbewegung. Das Primat der Produktion muss allerdings abgelöst werden durch das Primat der Mobilitätsdienstleistung. Die Industrie muss sich als Dienstleister für die kundenorientierte Bereitstellung flexibler Mobilitätsangebote verstehen.

 

Attraktive Komplettangebote gefordert

Kunden erwarten darüber eine zunehmende Wahlfreiheit in der Gestaltung ihrer Mobilitätsketten durch eine Vielzahl unterschiedlicher Fortbewegungsmittel mit verschiedenen Schwerpunkten der Mobilitätsdienstleistung. Der Drang nach individueller Fortbewegung und Eigenständigkeit bleibt hoch. Dieser wird jedoch nicht mehr vordergründig durch den Besitz eines Fahrzeuges befriedigt, sondern wird weitgehend durch den flexiblen und bequemen Zugang zu multimodalen Angeboten ersetzt.
Dabei ist die Flexibilität des Angebotes als solches wichtiger als einzelne Techniklösungen, wie das Elektroauto. Die gesellschaftliche Bewegung geht weg von einem universal einsetzbaren Fortbewegungsmittel hin zum flexibel einsetzbaren „virtuellen Fuhrpark“. Key-Enabler werden hier Attraktivitätsmerkmale sein wie einfache Nutzung oder auch jederzeitige Verfügbarkeit der Verkehrsmittel.

 

Rückzug des Staates aus der Bereitstellung

Zunehmend wird der Fokus auch auf die privatwirtschaftliche Führung in der Ausgestaltung multimodaler Mobilität gesetzt mithilfe effizienter Konzepte, die einen optimierten betriebswirtschaftlichen Erfolg erwarten lassen. Die öffentliche Hand steuert über regulative Maßnahmen und übernimmt primär die Aufgabe des Moderators und das Bereitstellen ihrer Assets. Neben technischen Herausforderungen ist multimodale Mobilität vor allem eine Frage der Vermarktung von attraktiven Angeboten. Das Preisniveau für die zukünftigen Mobilitätsleistungen wird dadurch jedoch unweigerlich steigen.

 

Stadtplanung muss auch interdisziplinär erfolgen

Stadtplanerische Prozesse müssen daher mehrdimensional, interdisziplinär und parallel geplant werden. Dies zeigen nicht zuletzt die Erfahrungen aus „Stuttgart 21″ und der Fluglärmthematik im Rhein-Main-Gebiet, aus denen entsprechende Lehren zu ziehen sind. Um Entscheidungsprozesse zu verkürzen müssen Projekte extrahiert, zielgerichtet vorangetrieben und mittels eines optimierten Projektmanagements überwacht werden. Dabei kann die Gründung kleinerer Gesellschaften hilfreich sein, denen konkrete Zeitvorgaben zur Umsetzung gemacht werden.
Die Komplexität einer multimodalen Verkehrskette der Zukunft kann (und will) der Staat nicht eigenverantwortlich bereitstellen. Staatliche Subventionen werden weiter zurückgefahren und stärker privatisierter ÖPNV wird somit partiell teurer werden. Insbesondere geeignet sind PPP-Modelle im Verkehrsbereich für die Finanzierung von Infrastrukturmaßnahmen, Fahrzeugbeschaffungen oder neuen Vertriebstechniken, wie das Electronic Ticketing.
Der Wandel zum Verkehr der Zukunft wird von jenen Konsumenten getrieben sein, die zur informationellen Offenheit bereit sind – den sogenannten „Digital Natives“. Sie lösen einen Paradigmenwechsel der Information aus: weg von der Pull-Information, die ein Nutzer aktiv einholen muss, hin zur Push-Information, die auf Basis des gespeicherten Mobilitätsprofils gesendet werden.
Angst vor Datenmissbrauch besteht allerdings weiterhin, trotz Mehrwert für den Mobilitätskunden. Zunehmend sieht das Verständnis einer übergreifenden Plattform aus Kundensicht ein Graphical UserInterface (GUI) vor, welches durch verschiedene Einzellösungen im Sinne des „One-Face-to-the Customer“ gespeist wird. Grundidee hierbei ist: die Zahlungsfunktion, Identifikation und die räumliche Zuordnung können gleichzeitig erfasst und ausgewertet werden.

 

Quelle: Andreas Burkert | Redaktion Springer für Professionals